Köppel

Artikel Basler Zeitung

Oben der lesbare Text, unten Orginalartikel.




Nicht nur dasitzen und warten
Aesch. Harry Köppel erzählt von seiner Muskelkrankheit
David Wohnlich
ALS ist eine unheilbare Muskelkrankheit. Ein neu erschienenes Buch bringt ALS der Öffentlichkeit näher – unter anderem durch den Aescher Harry Köppel.
Vor etwas mehr als zwei Jahren war Harry Köppel mit sich und der Welt zufrieden. Er war glücklich verheirateter Vater zweier Söhne, lebte mit seiner Familie im hübschen eigenen Haus in Aesch, und seine Arbeit als Chefmetzger in der Aescher Migros machte nicht nur ihm, sondern auch seinen Kundinnen und Kunden Freude.
Dann geschah es, dass seine Umgebung ihn schlecht zu verstehen begann. Nebenbei erzählte er seinem Hausarzt von der für ihn neuen Sprachstörung. Der Arzt – ein offenbar äusserst aufmerksamer Zeitgenosse – schickte Harry Köppel zum Neurologen. Es begann eine lange Reihe von Tests und Untersuchungen, die den Patienten zunehmend beunruhigten und ihn selber im Internet über seine Symptome nachforschen liess. Immer wieder stiess er dabei auf dieselben drei Buchstaben: ALS, die Abkürzung für «Amyotrophe Lateralsklerose».
Nach einigen von Unsicherheit und Angst geprägten Wochen kamen die Spezialisten zum gleichen Schluss: Die unheilbare Muskelkrankheit hatte Harry Köppels Sprachstörung verursacht; mit ihr und den sich unweigerlich verschlimmernden Symptomen würde er nun bis hin zu seinem Tod leben müssen – also noch ein paar wenige Jahre, wie er ohne langes Drumherumreden erklärt.
Sprechcomputer. Harry Köppel wirkt robust und sympathisch. Offen, engagiert und ohne erkennbares Selbstmitleid redet er über seine Krankheit und über die Lage, in die sie ihn bringt. «Wenn man weiss, was es medizinisch bedeutet, bleibt die Frage, wie man damit umgeht», sagt er und zeigt den Sprechcomputer, den er sich vorsorglich hat verschreiben lassen. Das Gerät wird für ihn sprechen, wenn er es selbst nicht mehr kann. Er demonstriert es an einem Satz, den er bereits eingetippt hat: «Ich heisse Harry Köppel, ich habe ALS.»
Harry Köppel will über seine Krankheit reden, um aufzuklären und um anderen Betroffenen Mut zu machen. So willigte er auch sofort ein, bei einem Buchprojekt mitzuwirken, mit dem die Wissenschaftsautorin Helga Kessler an ihn herantrat: In ihrem inzwischen vorliegenden Buch «Starke Leben» porträtiert sie Muskelkranke, die alle auf ihre Weise mit ihrem Schicksal umgehen. Harry Köppel kommt in diesem Buch ausführlich zu Wort. Es bestätigt sich der Eindruck, der auch im persönlichen Gespräch gewonnen wird: Leben und Gesundheit sind für ihn nicht identisch; wenn man krank wird, unheilbar krank, stellen sich neue Fragen, gewinnt das Leben eine neue, tiefere Bedeutung.
Diese schliesst vor allem auch Begegnung und Austausch mit anderen Menschen ein, zum einen mit Betroffenen, die sich in der Schweizerischen Gesellschaft für Muskelkranke (SGMK) zusammenfinden, zum anderen mit der Familie oder mit den Freunden der Dudelsackbläsergruppen «Dalhouse Pipe Band» und «Highlanders», in denen Harry Köppel mitwirkt. Er zeigt die Nasenklammer, die es ihm ermöglicht, den Dudelsack noch immer zu blasen. «Ein gutes Lungentraining», meint er – wissend, dass es wohl die Lunge sein wird, die in absehbarer Zeit versagen und ihn sterben lassen wird.
Mitleidende. Harry Köppels Frau Christine Köppel bringt einen Espresso. Sie beteiligt sich am Gespräch, aber es fällt ihr nicht im Traum ein, anstelle ihres Mannes zu sprechen. Liebevoll und heiter betrachtet sie ihren Harry, ganz ohne jene äusserliche Fröhlichkeit, die man gegenüber unheilbar Kranken immer so gern und so verlegen aufsetzt. Sie ist Mitleidende. Mit ihrem Mann zusammen lernt sie, dem Unabänderlichen Sinn zu geben – ihr Mann wird ja nicht fortgehen, er wird nur vorausgehen.
Helga Kessler: «Starke Leben. – Wie Muskelkranke ihren Alltag bewältigen». Verlag rüffer & rub, Zürich 2009. ISBN 978-3-907625-46-0
> www.muskelkrank.ch











[ Besucher-Statistiken *beta* ]